Weltformel im Rollstuhl

 

 

Regungslos sitzt er in Rollstuhl und starrt auf den Monitor seines Sprach-Computers. Rund um die Uhr muss er beaufsichtigt und gepflegt werden. Doch dieser schwer behinderte Mann leistet geistige Schwerstarbeit: Stephen Hawking ist Professor für theoretische Physik in Cambridge.

 

 

Für die Wissenschaft geboren

 

Am 8. Januar 1942 wurde Stephen William Hawking in Oxford geboren. Sein Vater war Arzt für Tropenmedizin und seine Mutter arbeitete als Sekretärin. Die Eltern waren nicht wohlhabend, brachten aber trotzdem das Geld auf, um alle ihre vier Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Der wissbegierige Stephen baute bereits mit acht Jahren Uhren und Radios auseinander, obwohl er diese nicht wieder sachgerecht zusammenfügen konnte. In der Schule zeigte er insgesamt nur durchschnittliche Leistungen, da er sich vorrangig für Mathematik interessierte, wobei er alle anderen Fächer vernachlässigte.  Eine seiner Freizeitbeschäftigungen bestand darin, bei Würfelspielen die Augenzahlen vorher zu erraten. Er wollte nicht einsehen, dass sich diese rein zufällig ergeben würden. So lehnte er bereits mit vierzehn Jahren die Zufallstheorie ab, die besagt, dass es Ereignisse gibt, die man wissenschaftlich nicht vorhersagen kann. Somit konnten seiner Meinung nach weder das Universum noch das Leben zufällig entstanden sein, wovon die meisten Kosmologen jedoch nach wie vor ausgehen. Mit siebzehn Jahren begann er Physik und Mathematik an der Universität in Oxford zu studieren. Der Vater hätte ihn lieber als Arzt gesehen, doch die Biologie war seinem Sohn zu ungenau.

 

 

Ein Schock fürs Leben

 

Während des Studiums fiel ihm das Gehen und Schuhe binden immer schwerer und manchmal blieb ihm die Stimme weg. Eine mehrtägige Untersuchung im Frühjahr 1963 führte zu einer schockierenden Diagnose: Stephen Hawking war an der unheilbaren amyotropischen Lateralsklerose erkrankt.  Diese schmerzfreie Krankheit bewirkt den Abbau der Nervenzellen, welche die Muskelfunktionen steuern. Die Muskeln bilden sich dadurch bis zur völligen Lähmung des Patienten zurück. Der Tod tritt nach zwei bis drei Jahren infolge einer Lungenentzündung oder durch Ersticken auf Grund aussetzender Atmung ein. Da der Geist aber vollkommen klar bleibt, wird den Patienten im letzten Stadium ihrer Krankheit Morphium eingespritzt, da sie unter großer Angst und starken Depressionen leiden.  Auf Anraten der Ärzte setzte Hawking sein Studium fort. Zur Überwindung der Depressionen half ihm besonders seine Freundin Jane Wilde, die er auf einer Sylvesterparty kennen gelernt hatte. Sie studierte Sprachen in London und besuchte ihn jedes Wochenende in Oxford.

 

 

Relativitätstheorie und Urknall

 

Widerwillig begann er seine Diplomarbeit über die Relativitätstheorie anzufertigen, die Albert Einstein bereits fünfzig Jahre zuvor aufgestellt hatte.

Diese Theorie besagt, dass Raum und Zeit nicht absolut, sondern vom Standort und der Bewegung des Betrachters abhängig sind. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Relativität zwar auf das Universum als Ganzes, aber nicht auf die Elementarteilchen in den Atomen zutrifft.

Hawking schloss sein Diplom mit „sehr gut“ ab und erhielt 1965 eine Promotionsstelle an der Universität zu Cambridge. Im gleichen Jahr heiratete er Jane Wilde. Er ging bereits am Stock und fiel durch einen scheinbaren Sprachfehler auf. Seine Krankheit schritt relativ langsam voran und er empfand es als ein großes Glück im Unglück, dass er nach wie vor klar denken konnte und dass ihn die wissenschaftliche Arbeit sehr stark von seinem körperlichen Leiden ablenkte.

Das Thema seiner Doktorarbeit war die Singularität des Weltalls, welche vielmehr als Urknall oder „Big Bang“ bekannt. Vor 15 Milliarden Jahren war das gesamte Universum zu einer extrem verdichteten und heißen Masse vereinigt, die vom Volumen nur so groß wie eine Fingerkuppe gewesen sein sollte. Hawking beschäftigte sich mit den Vorgängen in den ersten millionsten Sekunden nach dem großen Knall.

 

 

Zwischen Ruhm und Leiden

 

Ab 1967 musste sich Hawking auf Krücken fortbewegen. Drei Jahre später schaffte er das Treppensteigen nicht mehr und kurze Zeit später benötigte er einen Rollstuhl. Noch konnte er unter großen Anstrengungen selbst es-sen, aufstehen und sich hinlegen. Seine Frau kümmerte sich allein um die beiden Kinder Robert und Lucy. Ab 1974 wurde sie dabei von einem Doktoranden unterstützt, den ihr Mann gerade wissenschaftlich betreute. Als Gegenleistung erhielt der Doktorand freie Unterkunft und Verpflegung.

An der Universität war Hawking von den Lehrverpflichtungen weitgehend freigestellt, um sich ganz seinen Forschungen widmen zu können. Während der feierlichen Aufnahme in die „Royal Society“ brauchte er viel Zeit und Kraft, um sich vor versammeltem Publikum in das Mitgliedsbuch einzutragen. Nachdem er seinen Namen in das Mitgliedsbuch hinein geschrieben hatte, legte er den Kugelschreiber freudestrahlend beiseite, worauf im Saal ein stürmischer Beifall ausbrach.

„Alle freuten sich mit mir“, erinnerte er sich später.

Weitere Auszeichnungen waren der Albert-Einstein-Preis und die Aufnahme in die „US Society of Sciences“. Queen Elisabeth ernannte ihn zum „Commander of the British Empire“, was ihn berechtigt, den Titel CBE hinter seinem Namen zu tragen.

 

 

Das Geheimnis der Schwarzen Löcher

 

Im Jahre 1979 wurde er zum Lucasischen Professor für Mathematik berufen, nachdem er das Phänomen der Schwarzen Löcher aufgedeckt hatte. Der erste Inhaber dieses Lehrstuhls war Isac Newton vor rund dreihundert Jahren.   

Ein Schwarzes Loch ist das Endstadium eines sehr massereichen Sterns, der durch seine eigene, starke Gravitation in sich kollabiert. Durch die gewaltige Anziehungskraft gelangen aus seiner Oberfläche weder Licht noch Materieteilchen heraus, weshalb er als schwarzer, stoffleerer Raum auf dem Teleskop erscheint. Daher sind Schwarze Löcher nicht direkt, sondern nur indirekt durch Wechselwirkungen mit anderen Sternen nachweisbar.

Als im Jahre 1979 sein Sohn Timmy geboren wurde, konnte er die Vaterrolle kaum noch wahrnehmen. Seit 1980 benötigte die Familie Hawking zusätzliche Hilfe von Gemeindeschwestern. Sein Sprachvermögen hatte sich inzwischen soweit zurück entwickelt, dass ihn nur noch seine Familie vertehen konnte. Der Doktorand, der bei ihm wohnte, „übersetzte“ seine Worte.

 

 

Verständigung per Sprach-Computer

 

Vier Jahre später musste sein Kehlkopf operativ entfernt werden, da er sonst zu ersticken drohte. Atmen konnte er nur noch durch eine eingeflanzte Röhre. Die Nahrung musste ihm in flüssiger Form eingeflößt werden. Die Aufwendungen für seine Pflege übertrafen die finanziellen Mögichkeiten der Familie. Jane Hawking bat in der ganzen Welt um Hilfe. Eine amerikanische Stiftung sagte ihr 50.000 Dollar pro Jahr zu. Der kaliforische Informatiker Walt Waltosz stellte einen von ihm selbst entwickelten Sprach-Computer zur Verfügung.

Mit dem PC-Programm „Equilizer“ lassen sich Worte und sogar ganze Standardsätze auf dem Monitor suchen und per Mausklick markieren. Ein Sprachsynthesizer wandelt diese Worte in Laute um.

Hawkings Niedergeschlagenheit war schnell vergessen und so gab er seinen wissenschaftlichen Arbeiten einen neuen Aufschwung.

„Mit meinem Computer kann ich mich endlich wieder allein verständigen“, teilte er in einem Interview freudig mit.

 

 

Der Wissenschaftler und Buchautor

 

Er gab wieder Vorlesungen an der Universität und schrieb das Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“, in dem er die Natur des Universums, für alle Menschen verständlich, erläuterte und welches ab 1987 im Handel erhält-lich war. Bis heute hat er über 20 Millionen Exemplare verkauft.

Hawking fand internationale Beachtung für seine wissenschaftlichen Leistungen und für seinen Kampf gegen die Krankheit. Er trat in zahlreichen englischen und amerikanischen Fernsehsendungen auf und reiste um den ganzen Globus.

Doch der ganze Medienrummel wirkte sich negativ auf das Privatleben aus. Im Frühjahr 1990 ließ sich Jane Hawking scheiden.

Stephen Hawking versuchte von nun an eine Weltformel zu finden, mit der die letzten Rätsel des Universums geklärt werden könnten. Eine allgemeine Weltformel kann aber erst dann aufgestellt werden, wenn sich die Relativitätstheorie mit den Gesetzen aus der Quantenmechanik, die sich mit den Elementarteilchen beschäftigt, vereinen lässt. Und erst dann wird sich herausstellen, ob unsere heutige Existenz damals dem Zufall überlassen war. 

Im Jahre 2001 erschien Hawkings zweites populärwissenschaftliches Buch: „Das Universum in der Nussschale“. Darin legt er neben seinen Visionen zur Weltformel auch seine Thesen über die Zukunft der Menschheit dar.

 

 

Der ungebrochene Optimist

 

Seit über dreißig Jahren kämpft Stephen Hawking tapfer gegen seine Krankheit, die zur Verwunderung der Ärzte nur sehr langsam fortschreitet. Am 8. Januar 2009 wurde er 67 Jahre alt. Er meint dazu selbst: „Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich aufwache und weiter forschen kann. Mein eigenes Leben ist das beste Beispiel dafür, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte.“

Auch wenn er selbst die Weltformel höchstwahrscheinlich nicht mehr finden wird, so ist er trotzdem davon überzeugt, dass die Menschheit eines Tages alle Geheimnisse des Universums lüften wird.